Triple-Weltmeisterschaft: mein Rückblick

Die Zeit vor dem Kampf

Mein 11. Profi-Kampf liegt nun hinter mir. Wochenlang vorher wurden unzählige Mails und Telefonate geführt,  viele Nächte habe ich nicht geschlafen. Nicht wegen meines Kampfes, da bin ich Gott sei Dank immer gelassener. Vielmehr, ob die eingenommenen Sponsorengelder reichen, um die Veranstaltung inkl. meiner Weltmeisterschaft zu finanzieren. Bis zum Schluss haben noch ein paar Euro gefehlt, um die Kosten meines WM-Kampfes zu finanzieren.

So rotierte es tagelang in meinem Kopf, mehrere Nächte lag ich bis morgens wach. Ich sprach mit meiner Dharma-Meisterin, was sie mir rät.  „Singe“, sagt sie. Singen kann eine Form der Meditationspraxis sein. In sehr vielen buddhistischen Traditionen und traditionellen Yoga-Zentren wird gesungen. Singen ist wie Tanzen – es ist eine unglaublich positive Energie. Ich habe 13 Jahre im Schulchor gesungen, wenn man singt, dann geht es einem immer gut danach. Schade, dass in unserem Kulturkreis so wenig gemeinsam gesungen und getanzt wird.

Also habe ich gesungen, täglich ein bis zwei Stunden.  Nicht alleine,  sondern mit jemanden aus meiner Sangha, der diese Form der Meditationspraxis schon viele Jahre praktiziert. Vielen Dank lieber Nik für die vielen gemeinsamen Stunden :-)

Bis zum Schluss haben noch ein paar Euro gefehlt. Danke an Sportwetten live, die mir im letzten Moment geholfen haben!

Wismar

Mittwoch komme ich in Wismar mit meinem Trainer an. Wir steigen aus dem Zug und auf einmal sehe ich Peter Preuss und Andreas auf dem Gleis. Wir strahlen uns alle an, tauschen uns alle aus, wie wir alle die letzten Tage nicht geschlafen haben und stellen fest, dass wir eigentlich alle bekloppt sind.  Dass der Sport ohne all die Bekloppten gar nicht existieren könnte und dass sich da die Richtigen gefunden haben.

Wir kommen in der Wismarer Innenstadt an, sehen die wunderschönen Bauten der Stadt. Mein Trainer und ich grinsten uns an „Wir sind wieder in Wismar!“ Wir haben wunderschöne Erinnerungen an Wismar, weil wir hier vor einem Jahr schon mal geboxt haben. Ich habe hier meinen allerersten Titelkampf geboxt, der Kampf um die Interkontinental-Meisterschaft. Dies war das Ticket für die Weltmeisterschaft. Ich habe damals versprochen, dass - sofern ich es schaffen sollte, Weltmeisterin zu werden- nach Wismar zurückkommen werde, um hier um eine Weltmeisterschaft zu boxen.

Nun ist es soweit.

Wie ich den Kampf erlebt habe

Die erste Runde nahm einen tragischen Verlauf. Irma machte den Ringrichter darauf aufmerksam, dass sie wegen eines unabsichtlichen Kopfstosses kampfunfähig ist. Der Arzt kommt in ihre Ecke, ich beobachte das alles aus der neutralen Ecke und konnte das irgendwie nicht glauben. Normalerweise bekommt man einen Zusammenstoss ja mit, aber diesen Kopfstoss habe ich weder gespürt noch gehört, nichts. Es hat fast so ausgeschaut, als ob der Kampf abgebrochen werden musste. Ich dachte nur "Oh Gott, bitte Irma, mach weiter".

Fotografie: Daniel Koch

Fotografie: Daniel Koch

In der zweiten Runde erwischte es mich. Es machte einen Riesen-Knall und ihr Kopf krachte mit meiner Nase zusammen. In meinem ganzen bisherigen Boxer-Leben habe ich noch nie einen so harten Schlag gespürt, der auch nur ansatzweise den Effekt hatte, wie es mir nach diesem Zusammenstoss ging. Mir war schwindlig, meine Nase und mein Kopf schmerzte und ich wollte einfach nur, dass dieses Gefühl schnell aufhört. "Ob ich denn weiterboxen kann?", fragte der Arzt. Ich wollte unbedingt weiterboxen, ein paar Sekunden mehr wären schön gewesen. Aber ich musste mich entscheiden. Ich nickte- das Zeichen, dass ich weiter boxen will. Obwohl ich ehrlich gesagt, in dem Moment nicht 100% sicher war, ob und wann ich wieder normal bin.

So nahm das Kampfgeschehen seinen Lauf. Ein Kopfstoss jagdte den anderen. Ich glaub, wenn man alle Kopfstöße zusammenzählt, die ich in meinen Sparrings und Kämpfen vor diesem Kampf hatte, so sind es vielleicht ein, maximal zwei Hände voll. Aber in diesem Kampf gab es so viele Kopfstöße, wie ich sie in meinem ganzen Boxerleben noch nicht hatte. Mehrfach ermahnte uns der Ringrichter aufzupassen.

Die ersten fünf Runden waren meine Runden. In der sechsten Runde wurde Irma stärker, die sechste Runde war daher eher ausgeglichen zwischen uns, was wohl auch die Kampfrichter so sahen.

Die Kopfstöße hörten nicht auf. Mein Cut, verursacht durch einen Kopfstoss, musste jede Pause versorgt werden. Mein Oberteil war bereits voller Blut. In irgendeiner Runde knallten unsere Köpfe wieder dermaßen zusammen, dass mir ganz anders wurde. Ich suchte den Blick des Ringrichters, aber da er es nicht gesehen hatte, musste es weitergehen. "Du hättest ein Knie nehmen sollen", sagte mein Trainer. Dies war der Ausdruck dafür, dass man mit einem Knie auf den Boden ging und mit der ausgestreckten Hand dem Ringrichter zu verstehen gibt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Von der Theorie weiss ich es ja, aber im Kampf war dieses Wissen weg und ich hatte diese Situation noch nicht erlebt.

In der siebten Runde reichte es dem Ringrichter. Mehrfach hat er ja angedroht, uns einen Punkt abzuziehen, nun machte er es wahr. Uns beiden zog er je einen Punkt ab.

Die achte Runde war wohl Irmas klarste Runde, die neunte hat sie wohl auch gewonnen. In der letzten Runde habe ich mich nochmal mobilisiert und konnte die Runde für mich entscheiden.

Als Resultat konnte ich den Kampf mit einem einstimmigen Punktsieg für mich entscheiden und bin nun Weltmeisterin der WIBF, WBF und GBU.

Es war ein recht harter Kampf. Härter als gedacht muss ich sagen. Ich hätte es mir eigentlich denken können, dass sie sehr zäh zu boxen ist, denn schliesslich ist sie mit Delfine Persoon über 10 volle Runden gegangen. Der Kampf hat sicher keinen Schönheitspreis gewonnen, sondern war eher in die Kategorie Ringschlacht einzustufen, aber den Leuten hat es gefallen und das ist mir auch wichtig. Ich selbst hab mir jetzt nicht so besonders gefallen, aber das sind ja eigentlich die Kämpfe, die einen am meisten bringen, wenn man etwas Futter zum Nachdenken hat.

Danke

Wenn ich eines durch den Sport mitnehme, ist es, vielen Menschen dankbar zu sein. Da ich mich selbst manage bekomme ich wahrscheinlich mehr mit, was es bedeutet, solche Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, als Sportler, die von anderen gemanagt werden.

Peter Preuss habe ich es zu verdanken, dass ich in Wismar um die Weltmeisterschaft boxen konnte

Peter Preuss habe ich es zu verdanken, dass ich in Wismar um die Weltmeisterschaft boxen konnte. Peter, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich Dir für alles bin! Danke!!!

Ein großes Dankeschön gilt allen Sponsoren der Veranstaltung, die Peter für das Event gewinnen konnte. Ohne die Wismarer Sponsoren Awus, Krebs Korossions Schutz GmbH, Opel Autocenter Wismar, Altes Brauhaus, HW Leasing, Hansekontor Wismar und Hotel New Orleans wäre es nicht möglich gewesen, solch eine schöne Veranstaltung in Wismar auf die Beine zu stellen.

Ebenso möchte ich mich bei meinen persönlichen Sponsoren MyTeak, I-Clip, Eden Bar und das Physio Team Pallesits bedanken, die mich auf meinen Weg als Sportlerin begleiten und die finanziellen Rahmenbedingungen schaffen, dass ich 2 x täglich trainieren kann.

Vielen Dank auch an die Ostsee-Zeitung, die dieses Event wirklich ganz toll medial unterstützt hat!

Danke ebenso an alle, die organisatorisch zu dieser Veranstaltung beigetrage haben wie Enrico Schütze und Hansekontor.

Ich danke meiner Sangha, die mich mental unglaublich unterstützen.

Mein besonderer Dank gilt natürlich meinen Trainern, ohne die ich nicht Weltmeisterin wäre. 

Und vor allem möchte ich mich bei allen unterstützen, die auf der Veranstaltung waren und die mich auf den sozialen Netzwerken unterstützen, mitfiebern und anfeuern. Es ist sehr schön, eine Leidenschaft mit anderen teilen zu können!

Jetzt werde ich mal ein paar Tage von der Bildfläche verschwinden und den ganzen Trubel aus meinem Kopf und Körper zu bekommen, denn nach dem Kampf ist vor dem Kampf und vielleicht stehe ich ja schon bald wieder im Ring.

Ich bin dann mal weg.