Sieg durch Knock-out: meine Perspektive

Gestern habe ich meinen 10. Profiboxkampf gegen die Italienerin Monica Gentili durch Knock-out gewonnen. Es war ja ursprünglich die Kenianerin Florence Muthoni geplant, die jedoch nicht rechtzeitig ihr Einreise-Visum bekommen hat. Monica Gentili, die selbst am 20.6 einen Kampf geplant hatte, der auch ausgefallen ist, ist eingesprungen. Ich muss zugeben, dass ich Monica stärker eingeschätzt habe, als sie war.

Die erste Runde lief von beiden Seiten sehr beobachtend. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass sie als die deutlich Kleinere versucht, sich in die Distanz zu kämpfen, statt dessen hat sie auf Gegenangriff gesetzt. Ihr Coach mahnte sie stets zu warten und Geduld zu haben. So kam es, dass  wir uns beide die erste Runde mehr beobachtet haben. Durch ein paar klare Aktionen sicherte ich mir die erste Runde.

In der zweiten Runde war schon etwas mehr Action, dennoch konnte ich den Kampf gut kontrollieren. Ein Kopfhaken mit der Führhand brachte die Italienerin zum ersten Mal zu Boden. Sie wurde angezählt, der Kampf wurde nochmal freigegeben und ich setzte mit der Schlaghand nach. Sie ist recht wackelig wieder aufgestanden, so dass der Kampf per KO-Sieg beendet wurde.

 Fotografie: Roman Bagner

 Fotografie: Roman Bagner

Der Sieg war recht einfach- mir war er zu einfach. Ich wollte Florence Muthoni, weil ich harte Runden Wettkampf-Erfahrung sammeln konnte- genau dafür schien die sehr erfahrene und robuste Muthoni ideal. Nachdem Muthoni ausgefallen war und Monica Gentili sich bereit erklärt hatte, war ich recht glücklich, weil sie mir als Ersatz ganz gut gefallen hat. Sie schien mir recht robust auf den Videos, ging ja auch noch nie KO. Nun habe ich via Knock-out gewonnen und betrachte es mit gemischten Gefühlen. Jemand auszuknocken ist ein sehr deutlicher Sieg- deutlicher geht es nicht mehr und darüber freu ich mich natürlich.

Jemand auszuknocken ist ein sehr deutlicher Sieg- deutlicher geht es nicht mehr und darüber freu ich mich natürlich.

Ein Knock-out begeistert das Publikum, auch das ist eine tolle Sache. Dadurch, dass ich jedoch erst seit 2 Jahren Profi-Boxerin bin und insgesamt auch erst seit 5 Jahren boxe, ist es mir aber auch wichtig gute Ring-Erfahrung zu sammeln. So bestätigt sich wieder etwas, was sich immer wieder im Leben zeigt: die Medaille hat immer zwei Seiten. Selbst ein überzeugender Sieg durch Knock-out.

 

Über folgende Dinge freue ich mich besonders

Mein Trainer hat immer gesagt, dass ich das Potenzial habe, eine Knock-outerin zu werden. Darüber war ich immer recht skeptisch und nicht sicher, ob er mich nicht etwas überschätzt. Wir beide führen sowieso immer Diskussionen, weil ich sage er überschätzt mich und er sagt, ich unterschätze mich. Naja, ein KO in der zweiten Runde hat er voraus gesagt und in diesem Fall hat er wieder recht gehabt, Nun denke ich mir -vielleicht stimmt es ja doch ein bisschen, was er sagt. Auf jeden Fall häufen sich mit zunehmender Verbesserung der Technik die Knock-outs, schaun wir mal wohin die Reise geht. Lernen möchte ich auf jeden Fall noch viel und es gibt auch noch viel zu tun.

Fotografie: Götz Schrage

Fotografie: Götz Schrage

Manchmal übt man im Training ein paar Sachen, aber man setzt sie im Kampf nicht ein. Nicht, weil es kompliziert ist- an den Tatzen oder Sandsack hat man es schon oft gemacht- aber im Kampf setzt man es einfach nicht ein. Als ob man es vergisst. Tja, und auf einmal sieht man, wie man es doch im Kampf einsetzt. In diesem Kampf ist genau dies eingetreten. Darüber freue ich mich sehr.

Ich freue mich auch, dass ich mit einem kühlen Kopf boxe und das umsetze, was der Trainer mir sagt. Wir erarbeiten uns gemeinsam einen Schlachtplan, ich setze ihn um und in den Rundenpausen erfolgt das Finetuning. Ihr wisst ja alle, dass ich noch gar nicht so lange boxe. Daher kann ich mich noch gut an die Zeit erinnern, in der ich benebelt vor Aufregung und Laktat eher situativ und weniger konzeptionell geboxt habe und freu mich, dass mein Game-Planning immer ausgereifter wird.

 

Die Aufregung wird wahrscheinlich immer ein Stückchen bleiben

Aufgeregt bin ich aber immer noch ganz schön. Ich würde gerne mal wissen, ob es irgendwann mal aufhört, dass ich vor einem Kampf zig Mal auf Toilette muss. Mein Kopf war klar, ich hatte kein Herzklopfen- alles super. Aber alle 5 Minuten musste ich austreten. Hab mich kaum getraut, die Handschuhe anzuziehen, da ich die Befürchtung hatte, dass ich noch mal muss. „Nein- Du musst nicht mehr. Du warst schon so oft, da kann eh nix mehr kommen!“ Pustekuchen. Irgendwann kam dieser Gedanke wieder an die Toilette. Ich hab den Gedanken unterdrückt  „Das ist doch alles nur eine Illusion des Kopfes, Du musst nicht.“ So habe ich den Gedanken beiseite geschoben. Kurze Zeit später kam der Gedanke wieder hoch. So kämpfte ich mit mir. Bis ich mich irgendwann entschloss, doch noch mal zu gehen. Nun hatte ich aber schon alles an, meine Handschuhe waren geschnürt und zugetaped. Liebe Sandy, danke, dass Du mir in dieser Lage geholfen hast ;-)

Ein Klassiker war mal wieder, dass ich wieder in die falsche Ecke gelaufen bin, als die Gegnerin angezählt wurde. Musste wieder ganz schön über mich schmunzeln, als ich das Video heute gesehen habe.

Aber ein bisschen Aufregung ist ja auch ganz gut, das Adrenalin ist Part of the Game und macht uns ja auch zu den Fightern, die an ihre Grenzen gehen.

Aber ein bisschen Aufregung ist ja auch ganz gut, das Adrenalin ist Part of the Game und macht uns ja auch zu den Fightern, die an ihre Grenzen gehen.

Nun heisst es mal kurz durchschnaufen, denn die Verteidigung meiner Titel steht vor der Tür!

Nach dem Kampf ist vor dem Kampf.