Oft bekomme ich “wohlgemeinte Ratschläge”, ich solle doch wieder in mein altes und sicheres Leben zurückgehen...

Die Frage, warum der Boxsport mein Leben so dermaßen auf den Kopf gestellt hat, wurde ich bis jetzt so oft gefragt, dass es Sinn macht, dass ich dazu mal etwas für alle schreibe. Denn bis zum heutigen Tag muss ich Diskussionen führen oder Menschen kommen zu mir, weil sie mir "die Augen öffnen wollen", wie hart das Leben eines Boxers und insbesondere Boxerin ist. Oft bekomme ich "wohlgemeinte Ratschläge", ich solle doch wieder in mein altes und sicheres Leben zurückgehen, da der Boxsport ein Sport ist, in dem man nur sehr schwer Geld verdienen kann, und dass es mir in meinem alten Leben doch viel besser gehen würde. Oft weiss ich gar nicht, wie ich darauf reagieren soll, denn meine Entscheidung ist bei vollem Bewusstsein gefallen und ich mag diese wohlgemeinten Ratschläge auch nicht mehr hören, ich habe sie schon zu oft gehört. Es ist nicht so, dass ich mir Floyd Mayweather angeschaut habe und mir einbildete, dass es doch schlauer ist, Sportlerin statt Managerin zu sein.

Die meisten Fragen oder Ratschläge bekomme ich zum Thema finanzielle Sicherheit. Typische Fragen sind zum Beispiel:

"Nicole, kann man denn mit dem Boxen Geld verdienen?" Eigentlich kann man nur als Mann richtig Geld verdienen und zwar als männlicher Weltmeister, der einen Vertrag mit einem internationalen, großen Boxstall hat und im TV boxt. Als Frau und noch ohne TV-Vertrag kämpft man eher damit, die Ausgaben für den Sport und das Leben zu decken.

"Ja warum machst Du das denn?" Weil ich den Boxsport liebe.

"Ganz ehrlich, wenn Du in ein paar Jahren feststellst, dass Du wie jetzt einen Bruchteil der Einnahmen im Vergleich zu deinem früheren Leben hast- bereust Du dann nicht die ganze Zeit und Energie, die Du in den Sport reingesteckt hast?" Nein, ich liebe jeden Tag meines Lebens. Ich gehe sogar davon aus, dass dies der Fall sein wird. Sollte es anders sein, dann freue ich mich. Sollte es so bleiben wie jetzt, dann werde ich trotzdem mit Freude zurückblicken. Ich habe meine Entscheidung keinen einzigen Tag bereut.

Der Boxsport hat einfach einen sehr großen Funken in mir entfacht, der immer größer wurde.

Sicherheit ist ein großes Bedürfnis der meisten Menschen, daher kommen zu dem Thema wohl auch die meisten Fragen auf. Wir gehen in die Schule, machen eine Ausbildung oder Studium, beginnen zu arbeiten und irgendwann möchte man die Früchte ernten, die man Jahre zuvor gesät hat. Man zieht in eine größere Wohnung, vielleicht ein größeres Auto und schätzt die Annehmlichkeiten des Lebens. Dass ich in jenem Moment, als ich ein schönes Nest hatte, das Nest verlassen habe und komplett neu starte, können viele nicht nachvollziehen. Ich bekomme die Ratschläge von Personen, die ein anderes Lebens-konzept haben als ich und die Ratschläge zielen darauf ab, dass ich ihr Lebenskonzept und ihre Prioritäten umsetze. Die Entscheidung für den Boxsport ist aber keine Vernunftssache, sondern eine Herzenssache.

Das ist das, was mir wichtig ist: Eine Leidenschaft und Begeisterung für etwas zu spüren; wenn ich etwas tue, es mit dem ganzem Herzen zu tun.

Der Boxsport hat einfach einen sehr großen Funken in mir entfacht, der immer größer wurde. Das Boxen ist mit einem großen Knall in mein Leben getreten und hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Es hat meinen Lebensalltag verändert und meine Prioritäten total verschoben. Dieser Funke ist einerseits die Liebe zu einem Sport, der sehr oft als magischer Sport bezeichnet wird. Es ist aber vielleicht auch der Funke, etwas Neues zu lernen, sich zu beobachten, wie man immer besser wird, eine Vision zu entwickeln und zu verfolgen. Bis auf den heutigen Tag gehe ich jeden Tag mit Freude ins Boxtraining und habe die Wissbegierde eines kleinen Kindes. Der Sport begeistert mich jeden Tag aufs Neue. Er sieht so einfach aus, aber man wird nie auslernen. Viele Leute können nicht verstehen, dass ich mit Mitte 30 alles über Bord werfe und komplett neu anfange, aber vielleicht ist es gerade das, was mich motiviert: der Prozess des Lernens, sich selbst zu beobachten, wie man Stück für Stück wächst, immer besser wird und wie  sich Visionen zu realistischen Zielen entwickeln. "It's the possibility of having a dream come true what makes life intersting" sagt Paulo Coelho und ich kann ihm nur recht geben. 

 

Ich bin übrigens kein Systemaussteiger. Natürlich wäre es ein tolle Sache, wenn ich es mal schaffen würde, mit dem Boxen so viel Geld zu verdienen, wie ich es in meinem früheren Leben verdient habe. Oder sogar noch mehr, sodass ich mir über die Zeit nach meiner aktiven Laufbahn als Profi-Boxerin keine Gedanken mehr machen muss. Aber das übergeordnete Ziel ist es, einer Tätigkeit nachzugehen, die mich glücklich macht und erfüllt. Erst kommt die Leidenschaft und dann ergibt sich alles andere. Lange Zeit war dies mein alter Job, dann ist der Boxsport in mein Leben getreten und hat ein neues und großes Feuer in mir entfacht. Das ist es, was mir wichtig ist: Eine Leidenschaft und Begeisterung für etwas zu spüren; wenn ich etwas tue, es mit dem ganzem Herzen zu tun. Und wenn die Leidenschaft da ist, dann stellt sich auch der Erfolg ein. ich bin der festen Überzeugung- mit der richtigen Motivation, Fokus und Fleiss kann man ziemlich viel erreichen.

Viele Leute sagen, es sei verrückt was ich mache. Aber mir erscheint es mittlerweile viel verrückter, wenn ich es nicht machen würde, weil es genau das ist was ich will und was mich glücklich macht.

Viele Leute sagen, es sei verrückt was ich mache. Aber mir erscheint es mittlerweile viel verrückter, wenn ich es nicht machen würde, weil es genau das ist was ich will und was mich glücklich macht.