(Fotografie: Nicole Wesner)

(Fotografie: Nicole Wesner)

Sport ist eine sehr emotionale Angelegenheit und das Leben eines Leistungssportlers kann manchmal eine emotionale Achterbahn sein. Meine spirituelle Seite ist ein Faktor meines Lebens, der zu meiner emotionalen Stabilität beiträgt, obgleich es nicht die Ursache für meine Spiritualität ist. 

Meine ersten Meditationserfahrungen habe ich über Yoga gemacht. Über Yoga bin ich irgendwann zum Buddhismus gestossen, habe in Wien und Berlin verschiedene buddhistische Traditionen kennengelernt, bis ich auf Zen Buddhismus gestossen bin. 

 

Zen Buddhismus ist sehr praktisch orientiert. Es heisst, bevor Du eine Stunde ein Buch liesst, setz Dich lieber eine Stunde auf Dein Kissen und meditiere. Es geht um die eigene Erfahrung und kein Wissen von aussen.

 

Ist Buddhismus eine Religion? Wir beten nicht zu Buddha und Buddha war auch kein Gott, sondern Buddha war ein normaler Mensch. Ein Mensch, der gelehrt hat, wie wir glücklich werden können. Man kann Buddhismus daher vielleicht als die Religion des Glücklichseins bezeichnen. 

Viele Leute betrachten Buddhismus gar nicht als Religion, sondern vielleicht als Philosophie oder Betrachtungsweise, wie man die Welt sieht. Aber in dem Moment, in dem ich versuche, Buddhismus zu definieren, ist es kein Buddhismus mehr, denn genau dies möchte man im Zen nicht: keine Definitionen, Schubladen und Konzepte. Sondern einen klaren Geist, der sieht, wie die Wirklichkeit wirklich ist; einen „Weiss-nicht-Geist ohne „Checking Mind“, der wieder versucht alles in Schubladen zu packen; einen Geist, der im Hier und jetzt ist.

 

Mein spirituellstes Erlebnis hatte ich übrigens im Ring.

Mein spirituellstes Erlebnis hatte ich übrigens im Ring. In meinem 6. Profi-Kampf lag meine Gegnerin plötzlich am Boden, ausgeknockt. Die Menge schrie vor Begeisterung, ich jedoch war verdattert, denn ich konnte mich nicht erinnern- ich sah nur wie meine Gegnerin auf dem Boden lag. Später sah ich dann das Video. Es war der perfekte Schlag, der wie aus dem Nichts kam. Dieser Knock-out hat mir keine Ruhe gelassen. Immer wieder fragte ich meinen Trainer, wie das möglich war. Irgendwann sagte mein Trainer „Nicole- das war das erste Mal, dass Du nicht gedacht hast“ und ich wusste in diesem Moment, dass er recht hatte.


Mein Leben als Boxerin hatte mit meinem spirituellem Leben bislang nichts zu tun und auf einmal fügte sich alles zusammen.

 

Mein Leben als Boxerin hatte mit meinem spirituellem Leben bislang nichts zu tun und auf einmal fügte sich alles zusammen. Ich fuhr freudestrahlend in meinem buddhistischem Tempel, in dem ich damals in Berlin wohnte und sprach mit allen, erzählte allen, wie der perfekte Schlag aus meinem klaren Geist entstand. So holte ich mir von verschiedenen Leuten Rat ein, wie ich meine Meditationspraxis vertiefen kann, damit sich dieses Ereignis wiederholt. Am nächsten Tag sprach ich mit der Dharma-Meisterin und erzählte ihr, was ich herausgefunden habe. Auch sie fragte ich, wie ich dieses Erlebnis wiederholen kann. Und ihre Antwort war „Nicole- wenn Du willst, dann wird es nicht kommen“ und ich wusste, dass sie recht hatte.

 

Ich meditiere viel, sowohl alleine als auch mit meiner Sangha, nehme an mehrtägigen Retreats teil (Intensive Mediationspraxis von morgens um 5 bis abends 21 Uhr) und habe auch schon viele Monate in einem buddhistischem Tempel gewohnt. Meditation ist nur ein Übungsmittel, tatsächlich geht es darum einen klaren Geist und Herz voller Mitgefühl im Alltag zu entwickeln. Meditation hilft nur „den Müll“ aus dem Kopf zu bringen, der uns daran hindert im hier und jetzt mit einem klaren Geist zu sein, der Müll, der unsere wahre Buddha-Natur verschleiert.

 

Wer sich mehr für dieses Thema interessiert, dem empfehle ich den Film „Peaceful warrior“, der dieses Thema sogar auf den Bereich Leistungssport übersetzt. In YouTube findet Ihr den kompletten Film auf Englisch.